Stralsund
ist schön. Immer wieder faszinieren die Altstadt und die umliegenden Vorstädte
ihre Besucher durch ihre Lage und ihre historische Bausubstanz. Besucher und
Einheimische staunen heute mehr denn je über das Geschaffene. Da ist eine Menge,
auf das wir stolz blicken können.
Trotzdem
ist auch in Stralsund nicht alles „Friede, Freude, Eierkuchen“.
In der Vergangenheit wurden
auch viele Fehler gemacht, die teilweise irreparabel scheinen. Im 19.Jahrhundert
wurden vollkommen unsinnig, trotz des Protestes vieler einflussreicher Bürger,
sieben von ehemals zehn Stadttoren abgerissen, weil sie angeblich das Stadtbild
verschandeln würden! Aus heutiger Sicht sagt man sich, so blöd kann man doch
gar nicht sein, aber es ist leider wirklich passiert. Und der Wahnsinn ging
weiter. In den sechziger Jahren wurden die Reste des im zweiten Weltkrieg stark
beschädigten Semlower Tores gesprengt, obwohl man es vielleicht noch hätte
retten können.
Aber leider
war auch das noch nicht das Ende der Fahnenstange. In den Achtzigern wurde für
den Besuch des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme am Alten Markt „Klar
Schiff“ gemacht und das älteste und ehemals schönste Hotel Stralsunds, der noch
aus dem 16. Jahrhundert stammende historische „Goldene Löwe“, abgerissen und mit
einem Neubaublock vom Typ WBS 70 ersetzt. Wahnsinn!
Nachtrag im Januar 2010: Jüngstes negatives Beispiel ist der Abriss eines Hauses
in der Langenstraße (siehe Bild) Trotz massiver Bürgerproteste und vorliegender
Kaufangebote konnte sich der Eigentümer, der leider eine gültige Genehmigung der
Stadt hatte, nicht überwinden, die Aktion abzublasen. So etwas stimmt mich sehr,
sehr traurig. Ich hoffe sehr, dass dort wenigstens wieder ein Haus gebaut wird
und nicht bloß ein jämmerlicher Parkplatz.
Und auch
heute gibt es noch genug Probleme. Der Neubau von Geschäftshäusern ist natürlich
bedeutend billiger als die aufwändige Restaurierung der vorhandenen
denkmalgeschützten Bausubstanz. Und so sind an einigen Ecken der Stadt
Geschäftshäuser entstanden, die so gar nicht nach dem Geschmack vieler Leute
sind, während an anderer Stelle historische Gebäude noch darauf warten, aus
ihrem Dornröschenschlaf geweckt zu werden.
Wie viele
andere Innenstädte hat auch die Stralsunder Altstadt mit dem Verlust von
Einwohnern und dem Wegzug von Handel und Gewerbe zu kämpfen. In den Wirren der
Wendezeit wurde teilweise auf Teufel komm raus privatisiert und historische
Gebäude an dubiose Immobilienfirmen regelrecht verscheuert. Viele Alteigentümer,
die zum großen Teil schon seit Jahrzehnten weit entfernt wohnten, sind den
Verlockungen des schnellen Geldes erlegen und haben ihre Häuser, die zum großen
Teil stark sanierungsbedürftig waren, verkauft, ohne darüber nachzudenken,
welches Potential in ihnen steckt.
Ein ganz
besonders negatives Beispiel ist die Berliner Firma „Weiland und Quast“, die
nach der Wende innerhalb sehr kurzer Zeit Eigentümer von etlichen gut gelegenen
Immobilien wurde. Durch schlechte und unfachmännische Sanierung und
anschließende radikale Mieterhöhungen wurden dann ganze Straßenzüge entvölkert.
Mittlerweile hat diese Firma glücklicherweise ihr wohlverdientes Schicksal
ereilt, aber die Schäden für die Altstadt sind schon da gewesen. Die wertvolle
Zeit, die bei der Belebung der Altstadt verloren ging, haben andere genutzt, um
rund um die Stadt, auf der nordvorpommerschen grünen Wiese, drei große
Einkaufzentren zu etablieren, die wie große Blutegel das Geld aus der Stadt
saugen.
Eine
teilweise chaotische Parkplatzsituation und Heerscharen von Politessen haben
dazu beigetragen, dass sehr viele Stralsunder heute den Weg ins Ostseecenter,
den Strelapark und nach Andershof wählen, um sich mit allem zu versorgen, das
man so zum Leben braucht.
Das hat man
natürlich auch im Rathaus erkannt und kämpft nun einen erbitterten Kampf um
verlorene Anteile zurückzugewinnen.
Es gibt
zahlreiche positive Signale, die durchaus gewürdigt werden sollten. Die
Parkplatzsituation ist in den letzten Jahren bedeutend besser geworden, die
Parkgebühren sind im Vergleich zu anderen Städten sehr moderat und werden in
vielen Geschäften zurückerstattet. Das Wichtigste aber ist, dass die Händler
jetzt ihre Aktivitäten bündeln und zusammen mit dem neu gebildeten
Altstadtmanagement immer wieder mit interessanten Aktionen auf sich aufmerksam
machen. Dazu gehören eindeutig so wichtige Dinge, wie längere Öffnungszeiten,
oder Aktionen wie die „Lange Nacht des offenen Denkmals“ und der „Einkauf bei
Nacht“ in der Adventszeit. Solche Zugmagneten wie der Weihnachtsmarkt, werden
nun wieder vom Altstadtmanagement organisiert, nachdem man jahrelang die
Organisation einer eher halbherzigen Agentur aus Berlin überlassen hat. Es ist
der Verdienst von einigen wenigen etablierten Händlern und Handwerkern der
Altstadt, die in diesen schweren Jahren trotz herber finanzieller Verluste nicht
aufgegeben haben, dass heute wieder mehr und mehr in der Innenstadt passiert und
wieder neue Geschäfte eröffnen. Sicherlich ist es immer noch sehr schwer in der
Stadt wirtschaftlich zu überleben, aber die Weichen sind gestellt.
Die
Altstadt wird zusehend attraktiver als Wohnort. Endlich wurde der Verlust an
Einwohnern gestoppt und die Zahl derer, die in der Altstadt leben wollen, steigt
wieder sprunghaft an. Durch viele neue und wirklich schöne Kneipen, Restaurants
und Cafés lädt die historische Altstadt wieder viel öfter zu einem
Einkaufsbummel ein, auch abseits der Ossenreyer Straße. Das ist gut so und
sollte sich auch in der Zukunft wieder stärker durchsetzen.
Und so
liegt es in der Hand eines jeden Einzelnen, ob die Innenstadt wieder zu dem wird
das sie einmal war, ein lebendiger Ort des Handels und des Handwerks. Die Preise
der Altstadthändler können mit den Supermärkten jedenfalls durchaus mithalten
und außerdem bekommt jeder Kunde etwas gratis dazu, das kein Supermarkt oder EKZ
jemals bieten kann: das unvergleichliche Flair einer historischen Altstadt und
das Gefühl, einen Beitrag zu einer wirklich großen Sache geleistet zu haben.
Wünschen
wir den Altstadthändlern für die Zukunft, dass der eingeschlagene Weg weiter
fortgesetzt wird und dass sich in den Köpfen der Stralsunder die Altstadt wieder
als DIE erste Adresse für einen Einkauf einprägt und alle wieder so wie früher
sagen, wenn sie zum Einkaufen gehen: